Bürgeprotest Hannover: Man könnte lachen wenn es doch nicht so traurig wäre

Schon auf dem Opernplatz stehen behelmte Polizisten und mustern die vorbeikommenden Personen von oben bis unten. Vorbei an einer Reihe von Polizeibussen geht es vor bis zum Georgsplatz. Am Pavillon des Bürgerprotest Hannover wehen die selben Fahnen wie vor zwei Wochen.

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Neben der deutschen Nationalfahne hängt wie immer auch die „Gegen Nazis“ Fahne. Doch auf dem Boden finden sich weitere Parolen. In roter und blauer Schrift steht an verschiedenen Stellen „Solidarisch statt solide arisch“ und „Es gibt kein Recht auf Rechts“ geschrieben. Dies lässt sich der Staat natürlich nicht bieten und kontaktiert sofort die „SoKo Graffitti“, die den Tatort besichtigt. Da kein Täter anzufinden ist, ziehen sie aber unverrichteter Dinge wieder von dannen.

Die Kundgebung beginnt mit den ersten Redebeiträgen. Inhaltlich geht es vor allen Dingen um den kommenden Besuch von Barack Obama. Der amerikansche Präsident wird als „Marionettenspieler“ bezeichnet. Der bekannte Ausruf „Ami go Home“ wird derart oft wiederholt, dass man denke könnte es würde Jürgen Elsässer am Rednerpult stehen.

Inzwischen sammeln sich auch immer mehr Gegendemonstrant*innen auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Mit einer Musikanlage beschallen sie die „Besorgten Bürger“. Dies geht einem älteren Herren, mit umgehängter Wirmer-Flagge, dermaßen auf die Nerven, dass er sich spontan mit einem Megafon an die Straße stellt und mit den „White Strips“ aus seinem Handy kontert. Es beginnt ein minutenlanger Kampf zwischen Bürger und Rechtsstaat. Ein Polizist weist den Herren an bitte zurück zur Kundgebung zu gehen. Da er sich mehrmals weigert kassiert der Polizist das Megafon ein und erteilt ihm einen mündlichen Platzverweis. Um diesen zu umgehen kommt er auf die grandiose Idee eine Spontandemonstration gegen Polizeiwillkür anzumelden. „Eine Demonstration mit nur einer Person geht nicht“ erwidert der inzwischen sichtlich genervte Polizist. Das lässt man sich natürlich nicht zwei Mal sagen. Schnell ist ein zweiter Mitstreiter aus der ca. 1,5 Meter entfernten Kundgebung gefunden, der sich solidarisch zeigt und die Anzahl der Demonstranten verdoppelt. In den kommenden zehn Minuten wird diskutiert und verhandelt, die Demonstration wird aber letztendlich nicht genehmigt und der Bürgerprotest verliert zumindest für den heutigen Abend einen weiteren Teilnehmer.

Nun tritt der dritte Redner ans Pult. Er beginnt einen Brief, den er an seine Gemeinde geschrieben hat, vorzulesen. Dass dieses Unterfangen volle 40 Minuten dauern wird, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu erahnen. Nach dem vorhergegangen Antiamerikanismus besinnt sich der aktuelle Redner wieder auf das wesentliche Standbein des Bürgerprotests: Rassistische Hetze gegen Geflüchtete. Neben dem Klassiker der „von Flüchtlingen belegten Turnhallen“, versucht der aufgebrachte Redner sich auch in Wortneuschöpfungen. Er betont, „dass wir hier immer noch in Deutschland und nicht in Ausländerland“ sind. Außerdem möchte er nicht in „Muselmanien“ leben.

Der Rassismus ist heute weniger verpackt als sonst. Während des Spaziergangs, laufen mehrere Menschen, die aufgrund ihres Äußeren nicht in das Weltbild der Marschierenden passen, an den Besorgten vorbei. Diese drehen sich in ihre Richtung und brüllen lauthals: „Abschieben“. In diesem Moment möchte man am liebsten direkt neben den schon vorhandenen Haufen Pferdemist mitten auf die Straße kotzen.

Am Kröpcke zeigt sich das übliche Bild. An der einzigen Stelle des Abends, an dem der Bürgerprotest eine größere Menge von Bürger erreichen könnte, werden sie von ihren Beobachtern entweder beschimpft oder ausgelacht. Erfolgreiche Agitation sieht dann doch anders aus. Abgerundet wird der Demonstrationszug von einem verwirrten Mann am Ende der Demo, der vorbeilaufende Bürger darüber informiert, dass ihre Ersparnisse längst ins Ausland verkauft sind. Mit der Aussage „Dass müssen sie mal googlen“ verleiht er seinem Anliegen die nötige Seriösität, um die Ahnungslosen vielleicht doch noch aufzuklären.

Nur noch 70 Personen sind am heutigen Abend Teil des absurden Treibens. Alles in Allem bleibt es aber dabei: Man könnte lachen wenn es doch nur nicht so traurig wäre!