Category Archives: Interviews

„Kauen, aber nicht schlucken“ – Diskriminierung und dennoch kein Asyl

2016-02-18-20_54_30-DSC_8510-Windows-Photo-Viewer

Wir führten ein Interview mit Kenan von der Kampagne „alle bleiben“. Diese Kampagne setzt sich für die Rechte von Rrom*nja ein und solidarisiert sich mit allen Flüchtlingen. Sie wurde 2007 gegründet. Ihre aktuelle Kampagne lautet: „Alle Roma bleiben hier“. Sie leisten Öffentlichkeits- und praktische Arbeit. Kenan ist, nach 76-tägiger Bombardierung im Jahr 2000 aus Serbien, mit seiner Familie nach Deutschland geflohen.

Interviewer: Wie kam es zu eurer Kampagne?
Kenan: Bevor ich darauf antworten kann, muss ich etwas zu der Geschichte der Roma erzählen, da viele nicht verstehen, dass sie keine „Wirtschaftsflüchtlinge“ sind. Sie wissen nicht, was diese Menschen durchgemacht haben.
Sie lebten über 600 Jahre dort, bis tausende Roma durch den Krieg 1999 flüchten mussten. Sie wurden durch die UÇK [ Anm. d. Red. albanische paramilitärische Organisation] vertrieben. Zudem waren und sind sie teilweise heute immer noch Diskriminierung, Vergewaltigungen, Morden und Organhandel ausgesetzt.

Hat Deutschland eine historische Verantwortung?

Ja. Deutschland schuldet den Roma ganz viel. Deutschland finanzierte den Krieg Kroatiens gegen Serbien. Des Weiteren hat nicht nur durch den 2. Weltkrieg der Nationalismus in diesen Ländern zugenommen, sondern damit einher auch die Diskriminierung von Minderheiten.

Was motivierte euch die Kampagne „alle bleiben“ zu gründen?

Das sind mehrere Punkte. In Deutschland gibt es keine Rechte für Roma. Man wird verfolgt, hat aber dennoch kein Recht auf Asyl – was ist das für eine Geschichte! Weiterhin ist die Duldung eine Diskriminierung, da man jederzeit abgeschoben werden kann. Wie soll so eine Integration stattfinden, wenn man täglich im Ungewissen lebt? Ein weiterer Grund war, dass sich niemand für die Rechte von Roma einsetzte. Also mussten wir es selbst machen.

Was habt ihr für Ziele?

Bedingungsloses Bleiberecht für Roma. Bessere Bedingungen. Zum Beispiel war es bis 2007 für Menschen mit einer Duldung nicht möglich zu arbeiten. Mit einer Duldung kannst du kauen, aber nicht schlucken. Schlucken, aber nicht kacken.

Was macht ihr aktuell?

Wir unterstützen Menschen, die vor einer Abschiebung stehen. Ein anderer Schwerpunkt ist das Recherchieren über die aktuelle Situation von Roma in Serbien, Mazedonien, Kroatien, Albanien , Kosovo, Bosnien-Herzegowina, Slowenien und Montenegro. Damit wollen wir darauf aufmerksam machen, dass Roma noch immer in diesen Ländern diskriminiert werden. Menschen bauen Pyramiden, fliegen mit einem Space Shuttle auf den Mond, machen viele intelligente Dinge, aber können nicht mit Minderheiten umgehen. Das sollte die Mehrheitsgesellschaft lernen.

Zwei Rrom*nja-Familien aus Göttingen, die seit 17 Jahren in Deutschland leben, sollen abgeschoben werden. Wie steht ihr dazu? Was macht ihr dazu?

Rechtlich haben wir alles ausgeschöpft. Der Fall ist nun vor’m höchsten Gericht. Wir haben ein Bündnis mit vielen unterschiedlichen Gruppen und Organisationen gegründet, mit Pressemitteilungen und einer Demonstration Öffentlichkeit geschaffen. Kommt es zu einer Abschiebung, werden wir versuchen diese, notfalls auch mit zivilem Ungehorsam, zu verhindern. Es kann nicht sein, dass Menschen nach 17 Jahren abgeschoben werden sollen. Sie kennen das Land, in das sie abgeschoben werden sollen, nicht. Die Kinder sind hier geboren und aufgewachsen. Es geht nicht an, dass ein Paragraph größer als Menschenrechte ist.

(Anm. d. Red.: Das Landgericht Lüneburg hat die Abschiebung inzwischen bestätigt. Daraufhin musste die Familie untertauchen.)

Im Dezember 2015 wurden 125 Menschen vom Flughafen Langenhagen abgeschoben. Wie verhaltet ihr euch dazu?
Seit 2014 gibt es fast jeden Monat Abschiebungen. Da muss unterschieden werden. Einmal gibt es Roma, die seit 15, 20, 25 Jahren in Deutschland leben und welche, die erst ein Jahr hier sind. Roma sind immer noch Diskriminierungen im ehemaligen Jugoslawien ausgeliefert – was Menschen aus dem „Balkanstaaten“, die nicht dieser Minderheit angehören, nicht sind. Es geht aber nicht um die Trennung von Flüchtlingen in Gute und Böse, nur ist es einfach eine andere Situation. Wenn Roma abgeschoben werden, stehen sie vor dem Nichts. Im Krieg wurden ihre Häuser systematisch verbrannt und ihr Eigentum enteignet.

(Anm. d. Red.: Inzwischen gab es eine weitere Sammelabschiebung vom Flughafen Langenhagen in die sogenannten „Balkanstaaten“)

Wie kann man euch unterstützen?

Am meisten würde es helfen über die Vertreibungen im Krieg von 1999 zu informieren. Damals wurde kaum über die Situation von Minderheiten geschrieben. Es ist aber wichtig die Geschichte und Lage von Roma zu verstehen.